Novemberrevolution 1918 in Deutschland, Wilhelmshaven und Oldenburg

Die Novemberrevolution 1918 wurde lange ignoriert oder sogar negativ eingeordnet. Neuere Diskussionen kommen zunehmend zu einem anderen Bild: Die Revolution wird nun auch als Akt der Selbstermächtigung und Befreiung angesehen, und als bedeutender Schritt in Richtung Demokratisierung. Das war auch im Nordwesten Deutschlands der Fall.

Hier in der Vortrag, den Hans-Henning Adler auf dem Festakt der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 10. November im Theater Wrede gehalten hat:

Vor 100 Jahren: Revolution im Oldenburger Land – Sturz der Monarchie der Großherzöge

Die Revolution, an wir heute erinnern, war in erster Linie eine Revolution gegen den Krieg. Er hatte zu Beginn der Revolution 4 Jahre lang gedauert.10 Millionen Menschen fanden durch dieses Verbrechen an der Menschheit ihren Tod, davon 2 Millionen deutsche Soldaten. Die deutschen Kriegshandlungen hatten mit einem Bruch des Völkerrechts begonnen, weil das neutrale Belgien entgegen dem Haager Abkommen von 1907 überfallen wurde. Während des Krieges wurden von deutschen Truppen vor allem in Belgien Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung begangen. Die belgische Stadt Löwen wurde niedergebrannt. 248 Bürger starben in den Flammen oder wurden von deutschen Besatzungstruppen erschossen. Der Krieg wurde vor allem von deutscher Seite grausam geführt. Erstmals in der Geschichte wurde Giftgas eingesetzt mit verheerenden Auswirkungen. Deutsche U-Boote gingen während des Krieges zunehmend dazu über zivile Handelsschiffe anzugreifen und zu versenken. Was den Charakter des Krieges ausmacht, schrieb Rosa Luxemburg schon am 1. Januar 1916 in den sog. Junius Thesen: 5. Der Weltkrieg dient weder der nationalen Verteidigung noch den wirtschaftlichen oder politischen Interessen irgendwelcher Volksmassen, er ist lediglich eine Ausgeburt imperialistischer Rivalitäten zwischen den kapitalistischen Klassen verschiedener Länder um die Weltherrschaft und das Monopol in der Aussaugung und Auspowerung der letzten Reste der noch nicht vom Kapital beherrschten Welt.
Weil die Oberste Heeresleitung und der Kaiser von ihren Kriegszielen nicht lassen wollten, kam es auch nicht zu echten Friedensverhandlungen. Eine besondere Rolle spielten dabei die „Alldeutschen“, eine besonders aggressive Fraktion der herrschenden Eliten. Liest man deren Programm, dann findet man dort all das, was später die Nazis gefordert und durchgesetzt hatten. Das Programm der Alldeutschen war antisemitisch und rassistisch. Es sah die Deutschen als Herrenrasse, deren geschichtliche Mission darin bestehen sollte, „Siedlungsland in gemäßigten Klimazonen zu erobern“ und ein „Großdeutschland“ zu errichten, die „germanische Rasse“ müsse „Ellbogenraum gewinnen“. Der letzte Großherzog von Oldenburg, Friedrich August, gehörte während der 1. Weltkrieges zur Gruppe dieser sog. „Annexionisten“, die das Deutsche Reich durch Gebietserweiterungen vergrößern wollte. Belgien sollte ein Teil des Deutschen Reichs werden. Es ist eine Schande, dass in Oldenburg immer noch ein öffentlicher Platz nach diesem Kriegshetzer benannt ist.
Am Anfang des Ersten Weltkrieges im August 1914 fegte noch ein nationaler Begeisterungssturm über das Deutsche Reich hinweg. Der deutsche Sieg wurde schon zum Ende des Jahres 1914 erwartet. Doch die kriegsbegeisterten Deutschen hatten sich geirrt. Der Krieg dauerte länger, es kam zu Versorgungsproblemen in Deutschland. Im Winter 1916/17 wurde die Lebensmittelrationen auf 1000 Kcal pro Person gesenkt. Insgesamt starben während des 1. Weltkrieges in Deutschland 800.000 Menschen an Hunger und Unterernährung. Der Gegner war stärker als angenommen. Durch die Seeblockade der Alliierten war der Zugang zu den deutschen Kolonien abgeschnitten. Die Folge waren lange Schlangen vor Lebensmittelgeschäften, in denen es nur wenige Produkte zu überhöhten Preisen zu kaufen gab. Kinder mussten Sammlungen für alle möglichen Ersatzstoffe durchführen und Frauen in Munitionsfabriken arbeiten. Im Jahre 1915 gab es in der Bevölkerung erste Enttäuschungen über den langwierigen, verlustreichen Krieg. 1917 kam es zu ersten Streiks in Hamburg und im Ruhrgebiet. Im Sommer 1917 wurden Matrosen Alwin Köbis und Max Reichpietsch aus Wilhelmshaven, die eine Demonstration mit Werftarbeitern gegen die Weiterführung des Krieges vorbereitet hatten, von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und kurz danach in Köln hingerichtet. Die Militärs trauten sich nicht, die Hinrichtung in Wilhelmshaven zu vollstrecken.

Die Seeblockade der Alliierten war unüberwindbar für die deutschen Militaristen geworden. Ab dem 28. Oktober 1918 wurde dann die gesamte deutsche Kriegsflotte auf Schillig-Reede zusammengezogen. Die Militärführung wollte die in Wilhelmshaven stationierte Flotte zu einer letzten Schlacht gegen die überlegenen englischen Seestreitkräfte einsetzen und mit Ehre und wehenden Fahnen untergehen. Dieser Flottenvorstoß bedrohte das Leben von 80.000 Marinesoldaten. Schon tags zuvor, am 27. Oktober 1918, leisteten Matrosen und Heizer passiven Widerstand und verzögerten das Auslaufen der Schiffe. Der Kreuzer „Straßburg“ war gefechtsunfähig, weil 45 Heizer an Land blieben. Auf vielen Schiffen löschten Marinesoldaten die Feuer unter den Kesseln und versuchten, die Schiffe durch Fluten der Ventile zu versenken. Als am Morgen des 30. Oktober der Befehl zum Auslaufen gegeben wird, verweigern die Mannschaften den Befehl zum Ankerlichten. Die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Fahne. Alle Versuche, die Befehlsgewalt der Offiziere wiederherzustellen, scheitern, so dass die Flottenaktion am 31.Oktober endgültig eingestellt werden musste.
Mit einigen Torpedo- und U-Booten gelingt es Regierungstruppen, den Aufstand für einige Tage gewaltsam zu unterdrücken. Mehr als 1.000 Matrosen werden verhaftet. Währenddessen kommt es überall in Deutschland zu machtvollen Streiks. Erste Arbeiter- und Soldatenräte werden gebildet. Das III. Geschwader wurde daraufhin über den Nord-Ostseekanal, der damals Kaiser-Wilhelm-Kanal hieß, nach Kiel zurückbeordert. Die Kieler Arbeiterschaft plante aber schon seit einiger Zeit einen größeren Streik für einen schnellen Friedensabschluss. Matrosen und Arbeiter verbündeten sich. So kam es in Kiel zu einem allgemeinen Aufstand. Die Soldaten der angeforderten Infanterieverbände wollten aber nicht auf Matrosen schießen. Arbeiter in Kiel traten in einen Generalstreik. Von Kiel aus wurde der Impuls zur Ausbreitung der Aufstände gegeben, die dann das ganze Reich erfasste. In zahlreichen Städten werden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet.
In Wilhelmshaven demonstrierten – inspiriert durch den Matrosenaufstand in Kiel – am Morgen des 6. November Zehntausende Matrosen und Soldaten. Werftarbeiter schließen sich ihnen an. Die gefangenen Kameraden werden aus den Arrestanstalten befreit. Auf der Massenkundgebung wählen die Arbeiter ihren Arbeiterrat, der sich mit dem vorher gewählten Soldatenrat zusammenschließt. Aus dem Arbeiter- und Soldatenrat wird der 21er-Rat als engerer Ausschuss gebildet. Dieser wird als oberste Behörde eingesetzt und übernimmt die gesamte vollziehende Gewalt. Als Vorsitzender wird Bernhard Kuhnt, ein ehemaliger Wilhelmshavener Heizer der Kriegsmarine, bestimmt. In Oldenburg sollte am 5. November der Landtag zusammenkommen. Angesichts der angespannten Lage wollte der Großherzog eine „Thronrede“ halten. Er provozierte die Landtagsabgeordneten damit, dass er die Rede nicht im Landtagsgebäude sondern im Saal des Schlosses halten wollte, um deutlich zu machen, wer in dieser Stadt das Sagen hat. Es gab Proteste sozialdemokratischer und auch bürgerlicher Abgeordneter. Bezeichnend für die damalige Einstellung der Landtagsabgeordneten ist, dass sie sich dann aber doch artig im Schloss einfanden, um sich die „Thronrede“ anzuhören. Der Großherzog ließ nur einen faulen Kompromiss zu, indem er einen „ständigen Landtagsausschuss“ an seiner Seite bilden wollte. Dazu kam es aber gar nicht mehr, weil schon am nächsten Tag bewaffnete Matrosen in Oldenburg eintrafen. Es gab eine große Versammlung und eine Demonstration. Die Hauptwache wurde entwaffnet. Militärische und politische Gefangene wurden befreit. Noch am Abend des 6. November tagte der Soldatenrat bei Gramberg am Markt. Am 8.November gab der Großherzog unter dem Druck der Ereignisse die Erlaubnis, auf dem Elisabeth-Anna-Palais, dem heutigen Sozialgericht, und auf dem Schloss die rote Fahne zu hissen, die allerdings später wieder runtergeholt wurde, weil der von den Mehrheitssozialdemokraten beherrschte Arbeiter- und Soldatenrat in Oldenburg eine solche Provokation des Großherzogs als zu weitgehend empfand. Anders ging es in Wilhelmshaven zu. Auf einer Kundgebung am 10. November 1918 erklärte Bernhard Kuhnt den Oldenburgischen Großherzog für abgesetzt und rief die „Sozialistische Republik Oldenburg/Ostfriesland“ aus. Unter dem Druck der aufständischen Matrosen aus Wilhelmshaven und nach einer Aufforderung der sozialdemokratischen Landtagsfraktion erklärte der Großherzog dann schließlich am 11.11.1918 seine Abdankung.

An diesem Tag wurde das ehemalige Oldenburger Land Republik, also morgen vor 100 Jahren. Der Landtag ernannte den Revolutionär Berhard Kuhnt zum Präsidenten des Freistaates Oldenburg. Die Befreiung Oldenburgs von der Monarchie erfolgte am selben Tag, an dem das Deutsche Reich kapitulierte und damit die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges beendet wurden, was der Sehnsucht der Völker Europas nach Frieden entsprach. Die Militärs des Kaisers und mit ihm des Oldenburger Großherzogs hatten zuvor Millionen Menschenleben für ihre Weltmachtträume verheizt. Der weitere Verlauf der Revolution im Oldenburger Land spiegelte das wieder, was sich im ganzen Reich ereignete. Die Mehrheitssozialdemokraten versuchten in erster Linie „Ruhe und Ordnung“ wieder herzustellen. So kam es dann auch zu einem Konflikt zwischen den revolutionäre Kräften aus Wilhelmshaven, dem 21er Rat, der von der USPD dominiert war, und dem Arbeiterrat in Oldenburg, der das „Direktorium“ als Institution geschaffen hatte, das von den Mehrheitssozialdemokraten beherrscht wurde. In diesem Konflikt spiegelten sich alte Gegensätze wieder. Die Mehrheitssozialdemokraten hatten entgegen früherer Parteitagsbeschlüsse dem Krieg zugestimmt und die notwendigen Kriegskredite bewilligt. Sie hatten sich der kaiserlichen Militärdiktatur untergeordnet. Das ging so weit, dass sozialdemokratische Zeitungen die Pressezensur begrüßten. Die sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften hatten einen „Burgfrieden“ mit den Kapitalisten geschlossen und auf soziale Forderungen verzichtet. Streiks waren ausgeschlossen. Alle sozialen und demokratischen Forderungen wurden bis zum „Sieg“ zurückgestellt. Bis dahin wurde „Durchhalten“ gepredigt. Das Bündnis zwischen der Sozialdemokratie und dem preußisch-reaktionären Militarismus war nach vier Jahren Krieg so fest gewachsen, dass Ebert und Noske bis zuletzt noch versucht hatten die Monarchie zu retten. Als Scheidemann am 9.November unter dem Druck der Straße die Republik ausgerufen hatte, hatte Ebert getobt, weil er einen konfliktfreien Übergang in eine konstitutionelle Monarchie wollte. Der Inkonsequenz der Revolution im Reich entsprach die Entwicklung im Oldenburger Land. Die herrschenden Eliten wurden nicht entmachtet. Der Großherzog durfte bis auf das Schloss in Oldenburg seinen Besitz behalten. Die alten Eliten, das Finanzkapital, die reaktionärsten Teile des Großkapitals, die preußischen Junker und Militaristen, also all die, die für das Massensterben verantwortlich waren, behielten ihren Einfluss. Aus heutiger Sicht mögen die von revolutionären Matrosen und Arbeitern formulierten sozialistischen Forderungen unrealistisch erscheinen, weil das bei in der Mehrheit der Bevölkerung vorhandene rückständige und obrigkeitsstaatlich geprägte Bewusstsein für eine sozialistische Revolution gar nicht reif war. Das muss auch Rosa Luxemburg klar gewesen sein. Der Auffassung, man müsse erst eine Mehrheit gewinnen und dann dürfe man grundlegende Umgestaltungen vornehmen, hielt sie entgegen, man müsse durch die Revolution die Mehrheit gewinnen. Auch das war sicherlich eine Überschätzung der Möglichkeiten. Aber ich habe Verständnis für diese Position. Der Verlauf der Geschichte von 1914 bis 1918 hatte Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Klara Zetkin doch in vollem Umfange Recht gegeben. Es war das genau das eingetreten, wovor sie gewarnt hatten. Sollten sie dann nicht auch zur der Erkenntnis gelangen können: Jetzt sind wir dran und machen es besser? Die bürgerlich-demokratische Revolution 1848 endete in einer Niederlage, die Revolution von 1918 blieb auf halbem Wege stecken. Sie schuf zwar mit der Weimarer Reichsverfassung demokratische Institutionen, ging aber nicht mit einer Entmachtung der Herrschenden einher, was bei einer Revolution eigentlich das Normale ist. Diese so geschonten herrschenden Eliten hatten die im Ergebnis der Novemberrevolution geschaffene Weimarer Republik nie akzeptiert. Schon 1920 versuchten sie gegen die Demokratie zu putschen, was nur mit einem Generalstreik gegen den Kapp-Putsch gerade noch verhindert werden konnte. Zuletzt setzen sie auf Hitler. Das Ergebnis ist bekannt. Weniger bekannt ist, was schon Rosa Luxemburg im Januar 1916 schreib, was passiert, wenn die Macht- und Gesellschaftsverhältnisse in Deutschland nicht grundlegend geändert werden: Der heutige Weltkrieg arbeitet so letzten Endes nur auf einen erneuten Ausbruch des Krieges nach kürzerer oder längerer Friedenspause hin. Die Inkonsequenz der Novemberrevolution hatte aber auch zur Folge, dass die alten Machthaber die ideologische Deutungshoheit über die Geschichte behielten. Die Novemberrevolution wurde zum Verrat umgedeutet, die deutsche Wehrmacht sei „im Feld unbesiegt“ gewesen. Diese von Ludendorff aufgebrachte sog. Dolchstoßlegende hat die Novemberrevolution während der Weimarer Republik diskreditiert. Dabei war sie eine faustdicke Lüge. Die Sommeroffensive des deutschen Heeres 1918 war im Fiasko geendet. Am 13.August 1918 schrieb deshalb die Oberste Heeresleitung an die Reichsregierung, dass die Initiative im Krieg nicht mehr wiedergewonnen werden könne und sofort Waffenstillstandsverhandlungen aufgenommen werden sollten. Heute wird diese Lüge natürlich von weiten Teilen der Medien nicht mehr verbreitet, aber die Novemberrevolution wird statt dessen häufig vergessen oder kleingeredet. Ihre Ergebnisse, die Befreiung von monarchistischer Diktatur und Krieg werden – jedenfalls in Oldenburg – nicht offiziell gewürdigt. Diese Revolution hat aber in ihrer ganzen Kleinmütigkeit, Inkonsequenz und Rücksichtnahme gegenüber den Verantwortlichen des 1. Weltkrieges den Herrschenden immerhin Zugeständnisse abtrotzen können: Eine republikanische Verfassung, demokratische Freiheiten, ein Wahlrecht für alle, also auch für Frauen, den 8-Studen-Tag, ein Betriebsrätegesetz mit bescheidenen Mitbestimmungsrechten und Tarifautonomie für die Gewerkschaften, das sind Errungenschaften. Und es bleibt die historische Lehre, was nämlich die Revolutionäre schon damals als Kriegsursachen erkannt hatten: Militarismus und Aufrüstung und das Elend einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die es zulässt, dass an Kriegen verdient wird.

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